Mythos und Magie der „Böhsen Onkelz“
Deutsche Rockband startet letzte Tournee in Ostbayernhalle – Große Party und weinende Fans
Von Bianca Viehauser
10300 begeisterte Fans, ein sich bewegender Teppich aus Armen und Köpfen, der Übergang von Zuschauertribüne und Arena verschwimmt – die Ostbayernhalle ist der Hexenkessel, die „Onkelz“ die Magier. Die Stimmung ist unbeschreiblich, man muss sie selbst erlebt haben. Konzerte der deutschen Rockband „Böhse Onkelz“ knallen immer, sind immer laut und immer faszinierend, aber keiner der vergangenen drei Auftritte in Kreuth war wie dieser. In der Ostbayernhalle starteten Stefan, Gonzo, Kevin und Pe die vorerst letzte Tour mit 24 Konzerten, die alle seit Wochen ausverkauft sind. Die Band hat beschlossen, sich nach einem Abschluss-Open Air im Juni nächsten Jahres zu trennen.
Der „Mythos Onkelz“ war nie stärker als jetzt – an was es liegt, keine Ahnung! Natürlich, alle wollten sie ihre Stars auf der letzten Tour noch einmal so richtig feiern, sie noch einmal hochleben lassen. Aber während des Konzerts keine Spur von Traurigkeit oder Abschied – die Onkelz wären nicht die Onkelz, wenn Sie auf die Tränendrüse gedrückt und das Ganze als Abschieds-Herz-Schmerz verkauft hätten. Wie Frontman Stefan Weidner schon sagte: „Wir sind heute hier zum Feiern, traurig sein können wir auch später.“
Die Rock-Combo besteht seit 24 Jahren, die Formation hat sich seither nie verändert. „Die Fantastischen Vier“, wie sie sich selbst gerne nennen, gelten als Rebellen des Musikbusiness. Ihre gnadenlosen Songtexte richten sich gegen Kommerz, Scheinheiligkeit, Lügen und Doppelmoral, was sie nicht bei Allen beliebt macht. Vieles wurde den Onkelz angedichtet und untergeschoben, doch die Musiker machten ihren Weg und sammelten eine goldene Schallplatte nach der anderen. Ende Juli schoss ihr neues Album „Adios“ von 0 auf Platz 1 der Media Control Charts. Das T-Shirt zum neuen Album mit dem gelben „Adios – la ultima“-Schriftzug auf der Brust trugen etwa ein Viertel der Besucher bereits am Leib. Kaum einer der knapp 11000 Fans, der kein Onkelz-Shirt trug.
Fest in der Hand der Fans war Kreuth seit Freitagabend: Sie übernachteten in den zum Gut Matheshof gehörenden Ferienwohnungen oder veranstalteten Camping-Sessions auf dem Parkplatz gegenüber der Halle. Am Samstagnachmittag gegen zwei Uhr waren die beiden Großparkplätze gerammelt voll, Gesinge allenthalben und gute Laune. 16.45 Uhr Einlass und schon gings los – Gerenne in die erste Reihe, die ganz fanatischen Fans. Mit „Onkelz“-Sprechchören versuchten sie ihre Idole nahezu auf die Bühne zu „beten“. Gitarrist Matthias „Gonzo“ Röhr erhörte das Flehen und gab in der hintersten Ecke der Zuschauertribüne ein paar Fans, die ihn entdeckt hatten, Autogramme.
Um acht Uhr ging schließlich das Licht aus und fünf junge Norweger zwischen 21 und 29 Jahren wurden den „böhsen“ Fans, die dann eigentlich gar nicht so böse zu den „Wonderfools“ waren, zum Fraß vorgeworfen. Mit Punkrock der melodischen Art, auf Englisch gesungen, heizten sie den eh schon angewärmten Partypeople ein und entlockten manchen sogar ein Pogo-Tänzchen.
Eine überdimensional große Hand, aus deren Fingerspitzen Feuerfontänen sprühten, bewegte sich über der Bühne in Richtung Hallendach, dazu erklang ein lautes Donnergrollen, die Vorhänge fielen und gaben den Blick auf eine atemberaubende Bühnenkulisse frei – nicht leise, sondern laut eröffneten die Onkelz mit „Hier sind die Onkelz“ den zweieinhalbstündigen Reigen. „Ich will lieber stehend sterben als kniend leben“ schreit Kevin Russel ins Mikro und wippt dabei leicht mit einem Fuß im Takt. 11000 Kehlen schreien mit, und schnell wird klar, warum die Onkelz-Fans als der deutsche „Backround-Chor“ schlechthin gelten. Neben dem schwer tätowierten Kevin, der die langen, blonden Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebundenen hat, steht Stefan Weidner Bassist und Kopf der Band, ebenfalls an beiden Armen tätowiert und begrüßt die Fans: „Es freut mich, dass ihr diesen Arsch der Welt gefunden habt.“ Stefan war an diesem Abend supergut drauf und ließ noch mehr coole Sprüche vom Stapel. Den Song „Superstar“ widmete er dem Teufel persönlich, Dieter Bohlen.
Rechts und links der Bühne ziehen riesengroße Videoleinwände alle Blicke auf sich, im Rücken der Band eine gigantisch-pompöse Lightshow und aus den Boxen jagen 250000 Watt.
Songs, die richtig schrubben, mit bösen und gemeinen Texten und Balladen, die vielen aus der Seele sprechen – das sind die Onkelz und dafür lieben sie ihre Fans. Nichts wird beschönigt und nichts verschwiegen, es wird gekotzt und Scheiße gefressen, die Melodien kommen ohne überflüssige Effekte aus, die Rocker setzen stattdessen auf knallharten, astreinen Gitarrensound, den Matthias „Gonzo“ Röhr souverän zugibt. Die hämmernden Beats, die einfach zur Mucke der Band mit dem bösen Namen gehören, liefert Pe Schorowsky vom Schlagzeug aus.
Das Konzert bestach durch eine bunt gemischte Setlist mit alten und neuen Klassikern wie „Ich bin in Dir“, „Wieder mal ´nen Tag verschenkt“, „Terpentin“, „Nichts ist für die Ewigkeit“, „Nur die besten sterben jung“ – oder Songs, die auf einem guten Weg dazu sind („Onkelz vs. Jesus“, „Firma“ und „Ja, ja“).
Der Zugabenteil sollte wohl etwas ganz besonderes werden und so griff „Pyro-Manni“, der Typ, der sich die heißen und bombigen Spezialeffekte ausdenkt, noch mal tief in die Trickkiste. Bei dem Song „Feuer“ stand die ganz Bühne in Flammen und meterhohe Feuerfontänen schossen immer wieder aus den beiden äußeren Bühnentürmen. „Auf gute Freunde“, „Kirche“, die Fußballhymne „Mexico“ und der neue Titel „Ihr hättet es wissen müssen“ vervollständigten die Zugabe. Sehr emotional – die Fans hätten es wissen müssen, weinten aber trotzdem zuhauf – eben zum letzten Mal in Kreuth.